Sieben Wochen ohne

so heißt seit Jahren die Evangelische Aktion zur Fastenzeit. Also, wir Evangelischen fasten ja nicht. Das haben die Reformatoren vor 500 Jahren abgeschafft, jedenfalls den Zwang zum Fasten. Aus der theologischen Erwägung heraus, dass Gott seine Liebe und Vergebung allen Menschen schenkt. Alle Menschen, wie sehr sich auch mühen, können aus sich heraus Gottes Liebe nicht verdienen, auch Mutter Theresa persönlich nicht. Aber es muss sie auch niemand verdienen, denn Gott schenkt durch sein Opfer am Kreuz allen Menschen die Versöhnung, ein für alle Mal. Das ist auch der Grund, warum in traditionell evangelischen Landstrichen wie Berlin und Hannover kein Karneval zu finden ist. Denn, wer nicht fastet, der muss auch nicht kurz vorher nochmal alles aufbrauchen, auf das nun für 7 Wochen verzichtet wird.

Die Evangelische Aktion „7 Woche ohne“ versucht sich in einem anderen Aspekt des Fastens. Nicht Freudverzicht um Gottes Liebe „einzukaufen“. Sondern für eine bestimmte Zeit die Perspektive zu wechseln, etwas Neues auszuprobieren. Weil das meinen Blick ändert. Weil dieser neue Aspekt vielleicht mein Leben in Zukunft verändert. Und mir am Schluss die Augen öffnet und mein Leben auch außerhalb der Fastenzeit bereichert.

Als Motorradfahrer kenne ich dieses Gefühl. Motorradfahren macht Spaß. Unter anderem auch, weil es eigentlich Quatsch ist. Man setzt sich freiwillig dem Wetter aus. Reisen dauert länger. Manchmal wird es richtig anstrengend, auch körperlich. Aber nach so einer anstrengenden Tour weiß man für den Rest des Jahres das Reisen mit der Bahn oder dem Auto wieder richtig wertzuschätzen, wenn es draußen schneit und man schnell über 400 km oder mehr zurücklegen muss. Der Spaß Motorradfahren macht dankbar für andere Formen des Reisens.

2019  war das Motto von „7 Wochen ohne“ „nicht lügen“. Wer dachte, das geht doch leicht, der merkte seinen oder ihren Irrtum spätestens wenn der Gastgeber, den man sehr mag, gefragt hat: „Hat es dir geschmeckt?“, – von der gefährlichen Frage in Partnerschaften: „Findest du eigentlich, dass ich dicker geworden bin?“ ganz zu schweigen.

Und 2020 – jetzt bitte nicht lachen – das Motto  „Zuversicht: 7 Wochen ohne Pessimismus“. Wenn man nicht wüsste, dass das Motto schon im Jahr vorher festgelegt wird, dann würde man denken, das sei ein zynischer Witz zu Coronazeiten. 7 Wochen kein Pessimismus, das wäre ja schon zu normalen Zeiten kaum zu schaffen.

Und dann fällt mir Paul Gerhardt ein, der über 20 Lieder in unserem Gesangbuch getextet hat. „Geh aus mein Herz und suche Freud“, das Lied war gestern mein Ohrwurm an diesem wunderbaren Sonnentag. Eins meiner persönlichen gute Laune Lieder.  Aber wenn man die Biographie von Paul Gerhardt liest, dann klingt das gar nicht nach guter Laune. Mit 13 Vollweise erlebte er die Schrecken des 30-jährigen Krieges hautnah. Und das Wüten der Pest, die 2 Drittel der Bevölkerung von Berlin dahinraffte, als er dort Pfarrer war. Nur eins seiner 5 Kinder überlebte ihn. Und am Schluss seines Lebens verlor er seinen Beruf und sein Auskommen, weil er nicht gegen sein Gewissen einen angeordneten Eid des Kurfürsten ablegen wollte. Und genau dieser Mann schriebt diesen wundervollen optimistischen Text.

Okay, lieber Paul Gerhardt, ich werde es versuchen. Optimismus: Ja, die Zeit wird wieder normal werden. Wir werden uns wieder frei bewegen können und uns treffen können mit wem wir wollen, wo wir wollen. Und ja, so schlimm Corona ist, es ist nicht die Pest. Und es herrscht kein Krieg. Und kein Fürst will mich gegen mein Gewissen zu etwas zwingen. Aber lieber Paul Gerhardt, es wird mir nicht immer gelingen. Manchmal fällt es mir schwer optimistisch zu bleiben. Manchmal nervt mich das alles an. Und ich verliere die Perspektive und alles wird grau. Und ich bemitleide mich selbst. Dann hoffe ich, dass du mir verzeihen kannst. Und genau dann weiß ich, dass auch meine Miesepetrigkeit, mein Genervtsein, mein Selbstmitleid mich nicht von Gott entfernen können. Denn Gott hat an Ostern allen Menschen seine Liebe und Versöhnung geschenkt, Optimisten und Pessimisten, coolen und genervten, dankbaren und sich selbst bemitleidenden. Und für jetzt, für den Optimismus, stelle ich mir  Lieder in meinem Kopf zusammen. Lieder, die von Gottvertrauen in schweren Zeiten handeln. „Geh aus mein Herz…“ ist dabei. Neben „Wünsch dir was” von den Toten Hosen. Und „Der Traum ist aus…“ von Rio Reiser. Und „Alle Jläser Huh“ von Kasalla. Und dann höre ich in meinem Kopf dich und die Punkband, den Anarchisten Rio Reiser und die Karnevalisten von Kasalla. Die alle wissen, was schwere Zeiten sind. Und in ihren Liedern trotzdem oder gerade deshalb auf Gott vertrauen. Und dann muss ich schmunzeln, ihr alle zusammen, in einer Band, für Gott, für das Geschenk seiner Liebe. Und dann werde ich doch wieder optimistischer……auch in diesen Zeiten…..

Mit den besten Segenswünschen

Ihr/euer Albi Roebke