Sprache des erlaubten Übermuts

Der gesunde Menschenverstand lehrt uns, den Mund nicht zu voll zu nehmen. Das gehört zum Grundbestand der seelischen Gesundheitsfürsorge eines jeden Menschen. Hänge die Latte deiner Erwartungen an das eigene Leben nicht zu hoch, du könntest ins Loch tiefer Enttäuschungen fallen. Verdichteter Ausdruck dieser existentiellen Erfahrung spiegelt sich in der Volksweisheit: Übermut tut selten gut! Verbaler Übermut schon gar nicht! Also, befolge den Rat: nimm den Mund nicht zu voll!

Dennoch meldet sich Protest. Will ich mich wirklich damit zufriedengeben? Nach der Maxime, nur nicht zu viel vom Leben erwarten. Es könnte dich enttäuschen. Besser tiefer stapeln, damit am Ende die Enttäuschung nicht zu groß ausfällt. Pessimisten verweisen gerne auf den Realismus solcher Lebenseinstellung. Und, spricht nicht auch die allgemeine Tristesse der Pandemie für eine solche Haltung? Sich eben damit abfinden, dass das Leben weniger verspricht, als vor Corona. Gehört das zur seelischen Prophylaxe, um der Angst vor Enttäuschungen vorzubeugen?

Nein, ich gestehe freimütig und trotzig gegen alle Welterfahrung und Volksklugheiten: mit dieser Schonhaltung will ich mich nicht begnügen. Das Leben hat besseres, größeres, tieferes, schöneres zu bieten als das, was es derzeit bereithält. Das ist mir auf Dauer zu wenig.

Das vergangene Jahr war für viele Menschen ein Jahr schmerzlicher Verluste. Unser Bundespräsident hat darauf in einer bewegenden Feierstunde am Sonntag aufmerksam gemacht. Wir spüren alle, die Pandemie hat an unseren Kräften gezehrt und tut es noch heute. Sie nagt an unserer Lebensenergie und zehrt unsere Lebensfreude auf. Wo ist die Leichtigkeit des Lebens geblieben? Wie viele sind innerlich und äußerlich verwüstet, ausgezehrt, wundgerieben.

Zum Glück halten die drei Geschwister Glaube, Liebe, Hoffnung immer noch zusammen. Unverdrossen lassen sie sich nicht kleinreden. Diese drei haben die Sprache des Übermuts nie verlernt. Sie zapfen an Lebensquellen an, die sich nicht eigener Vorratsspeicher verdanken. Diese sind nämlich begrenzt, endlich, erschöpft. Ihre Güter haben alle ein Verfallsdatum. Aber Glaube, Liebe, Hoffnung, diese unzertrennlichen Geschwister, schöpfen aus anderen Quellen. Sie speisen sich aus der Fülle des Lebens Gottes, das noch jeden Mangel ausfüllen kann. Wasser des Heils für ausgetrocknete Seelen. Nahrung, die den Hunger stillt. Gottes Verheißung als Kraftwort für geschundene Seelen.

In unserer von der Pandemie wundgeriebenen Gesellschaft hat sich mir eine Verheißung tief ins Herz gesenkt. Ich habe sie mir zu eigen gemacht. Sie begleitet mich durch die Anfechtungen dieser Zeit. Ich lebe in der Hoffnung und in der Erwartung, dass sie für mich persönlich, für unsere Familien, für unsere Gemeinden und Kirchen, für unser Leben in Erfüllung gehen wird. Gott verspricht seinem Volk: „Ich werde euch doppelt soviel geben, wie die Wanderheuschrecken gefressen haben . . . Dann werdet ihr essen und satt werden und den Namen des Herrn, eures Gottes, preisen. Er hat sich euch gegenüber wunderbar verhalten.“ (Joel 2, 25)

Rückerstattung des Verlorenen; Ersatz für das, was weggefressen wurde an Zeit, Kraft, Energie und Lebensfreude. Erfüllung des Lebens auch und gerade des noch nicht gelebten Lebens. Ich gestatte mir, mich daran festzuhalten. Gegen alles pessimistische Kleinreden, setze ich auf die Kraft des Wortes Gottes. Ich entscheide mich, darauf zu vertrauen. Das lasse ich mir von der Pandemie nicht verbieten.

Gott schenke uns den Blick für die Fülle des Lebens. Und, warum sollten wir es nicht erleben, seinen Namen in der Gemeinschaft der Feiernden zu preisen. Also, ich meine, solch ein Übermut tut erst recht gut!

Pfarrer Carsten Schleef