Dreh deine Zunge erst siebenmal

Wenn man in Gemeinschaft schweigt, dann kann man Erstaunliches erfahren – über sich selbst und über die anderen. Man lernt sich untereinander besser kennen, als wenn man dieselbe Zeit im Gespräch verbringt. Diese Erfahrung durfte ich schon einige Male bei sogenannten Schweigeexerzitien im Kloster machen.
Verständigt man sich ein paar Tage nur mit Gesten, dann wird einem auch bewusst, dass man sonst über den Tag verteilt viel redet, sehr viel sogar. Und vieles von dem, was wir sagen, müsste im Grunde gar nicht gesagt werden. Vor allem, wenn man den Maßstab des oben zitierten Bibelspruches zugrunde legt – Redet was gut ist, was erbaut und was notwendig ist. 
Mein Großvater riet seinen Kindern gerne: Dreh deine Zunge erst siebenmal im Mund herum, bevor du redest. Er selbst war ein sehr bedächtiger Mensch, der nicht unnötig Worte machte. Ich weiß nicht, ob er den Vers aus dem Epheserbrief kannte, doch er hat ihn – wie ich finde – treffend in seinen eigenen Worten ausgedrückt. Dreh deine Zunge im Mund siebenmal herum, bevor du redest. In dieser Zeit überlege dir, ob es sinnvoll und gut ist, was du sagen möchtest und insbesondere, ob es zum Wohl der anderen beiträgt. Denn ein Wort ist wie ein Pfeil, einmal losgelassen, ist es nicht mehr aufzuhalten. 
Nicht immer muss das, was wir sagen möchten auch notwendigerweise gesagt werden. Manchmal ist es segensreicher, wenn wir unsere Worte zurückhalten. Wenn wir uns bewusst machen, was wir sagen, dann hat das Gesagte zudem auch größeres Gewicht und geht nicht im Strom der unwichtigen Worte unter.
Unter Corona wurde regelmäßiger Austausch unterbrochen oder auf ein Minimum reduziert. Da war kaum noch Raum für erbauliches und gutes Reden, ebenso wenig für Nonverbales wie eine Umarmung. Und ich merke immer wieder, dass das immer noch nachwirkt. Wir Menschen sind nun mal Lebewesen, die durch Kommunikation und Beziehung leben. Austausch, Gemeinschaft, Nähe müssen einen festen Platz in unserem Alltag haben. Das richtige Maß zu finden, ist dabei nicht immer leicht.
In den vergangenen Monaten hat mich der Vers aus dem Epheserbrief und auch der Spruch meines Großvaters oft gedanklich eingeholt. Viele Gespräche, Telefonate und auch Schriftverkehr waren an der Tagesordnung, ganz normal, wenn man Neues anfängt. Viel musste abgesprochen, erklärt, wiederholt, diskutiert, erörtert werden, das war notwendig. Vieles musste entschieden, ausprobiert, nachbesprochen werden, das war gut. Ich hoffe, dass auch Raum für Erbauliches war. Ich merke jedoch selbst, dass dieser Maßstab häufig beim Reden nicht im Vordergrund gestanden hat. Darauf ein Augenmerk zu legen, das ist etwas, das mein Herz zur Zeit bewegt.
So wünsche ich Ihnen in der kommenden Zeit viele segensreiche Gespräche, mit Bedacht geführt und im Sinne des Bibelverses gut, notwendig und erbaulich. Und ich wünsche Ihnen auch die kostbaren Momente, in denen Nichtgesagtes mehr zum Ausdruck bringt, als jedes gesprochene Wort. 

Ihre Selma Gieseke-Hübner