Von Albert Einstein stammt der Satz: „Nur wer das Selbstverständliche befragt, lernt das Staunen.“
Zum Selbstverständlichen gehört die Vielfalt des Lebens. Es gibt eben nicht nur das eine Leben, quasi Leben allein im Singular. Leben gibt es nur im Plural. Nur in der Vielfalt und Fülle aller lebendigen Organismen, Lebensräume und Ökosysteme, auf dem Land, im Wasser und in der Luft. Experten gehen von circa 15 Millionen verschiedenen Arten des Lebens aus, von den kleinsten Mikroorganismen bis hin zu den großen Säugetieren. Nur 1,8 Millionen Arten sind davon bekannt. Den allergrößten Teil gilt es noch zu entdecken, vor allem in den dunklen Lebensräumen der Tiefsee.
Wer sich darauf einlässt, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Gleiches gilt im Blick auf den Menschen. Zwar gibt es Ähnlichkeiten, Übereinstimmungen und Verwandtschaften. Aber keine deckungsgleichen Doubletten. Kein Gesicht gleicht dem anderen. Keine Geschichte gleicht der anderen. Menschen sind verschieden in Aussehen, Herkunft, Religion, in ihrer sexuellen Orientierung, dem Alter nach und auch in ihren Talenten, Vorlieben, Meinungen, Überzeugungen und Lebensformen. Auch das ist selbstverständlich und lehrt das Staunen.
Das Selbstverständliche markiert aber zugleich eine Herausforderung. Denn die Vielfalt des Lebens und ihrer Ausformungen steht vor der Aufgabe des gelingenden Zusammenlebens. Vielfalt will im Frieden gelebt werden. Wie schwierig das mitunter ist, erleben wir schon in der eigenen Familie.
Das Motto der Europäischen Union heißt „In Vielfalt geeint“. Man ist überzeugt, dass wir alle reicher werden, wenn wir unseren Horizont erweitern. Offensichtlich braucht es dafür aber bei aller staunenswerten Vielfalt das einende Band, die einende Mitte. Das, was alles zusammenhält. Für uns Deutsche sind das die Grundsätze unserer Verfassung, das Grundgesetz.
Für unsere Kirche ist das der Kernsatz aus dem Neuen Testament „Gott ist Liebe.“ Liebe aber existiert nicht solo; sie hat ein Gegenüber, an das sie sich verschenkt. In der Lehre vom dreieinigen und dreifaltigen Gott hat die alte Kirche das Urbild von Gemeinschaft beschrieben. Gott selbst ist in der Aufeinanderbezogenheit und Verschiedenheit von Gott
Vater, Sohn und Heiligem Geist die Einheit in der Vielfalt und die Vielfalt in der Einheit.
Könnte das nicht auch für unsere Gemeinschaften, für unser soziales Zusammenleben prägend sein? Einheit darf dann die Unterschiede nicht verwischen, einebnen oder zum Verschwinden bringen. Das wäre Vereinnahmung, Dominanz, der einen über die anderen. Umgekehrt darf die Verschiedenheit nicht so groß werden, dass sie die Zusammengehörigkeit zerreißt. Wenn jeder auf seiner Eigenart beharrt ohne Rücksicht auf andere und sich mit aller Kraft durchzusetzen versucht, kann keine Gemeinschaft existieren.
Von Gott können wir lernen, einander den Vortritt zu lassen. Gewiss, das macht Arbeit, ist bisweilen sehr mühsam und ist ein lebendiger Prozess, der uns unser Leben lang begleitet. Aber wir dürfen und sollen einander dabei helfen im Vertrauen darauf, dass Gott selbst diesen Prozess begleitet.
Pfarrer Carsten Schleef
