Egal ob man gläubig ist oder nicht. Wenn man die Menschen spontan fragt, glauben alle sofort zu wissen was ein Gebet ist. Es ist ruhig und andächtig. Man faltet die Hände brav und und bittet Gott demütig und/oder vielleicht reumütig um etwas. Oder man dankt für etwas. Und dann gibt es da noch das gemeinschaftliche Gebet: Es wird in der Kirche gesprochen, manchmal sogar eher abgeleiert. Es ist interessant zu sehen, dass es viele Menschen gibt, die tatsächlich den Psalm 23 zum Beispiel nicht alleine aufsagen könnten, in der Gruppe aber klappt es dann tadellos.
Und es stimmt, all das sind Formen des Gebetes. Aber eben nicht die einzigen:
Wenn wir in die Psalme sehen, dann lesen wir Sätze wie „Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen?“, „schreit“ der Beter in Psalm 22, in Psalm 69 hat sich der Beter sogar „müde geschrien“. Also nicht stumm und andächtig. Gebete können auch geschrien sein.
In Psalm 137, den wir alle in der wunderschönen Vertonung von Boney M kennen (By the rivers of Babylon), geht es um Wut und Aufbegehren gegen die himmelschreiende Unterdrückung – also anders als die Musik glauben machen lässt nicht um andächtiges, fröhliches Hoffen. Ein Gebet kann also auch voll Wut sein.
Die Prophetin Miriam, die Schwester von Mose und Aaron, singt und tanzt angesichts von Gottes Sieg über das feindliche Militär. Gebete können also auch getanzt und gesungen sein.
Gebet kann alles sein: leise und andächtig. Laut und schreiend. Fragend und bittend. Aber auch anklagend und fordernd. Gesungen. Ja, selbst das Schweigen kann ein Gebet sein.
Im Fernsehen sehen wir momentan die Gedenkfeiern zum 75. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager der Nazis. Aus dem Konzentrationslager Buchwald hat es ein Gebet in unser Gesangbuch geschafft. Es hat die Nummer 965 auf der Seite 1448.
Nicht demütig. Nicht still. Sondern wütend, anklagend, stolz, fragend und schließlich stumm:
Ja, wärst du nicht mein Gott, wie könnt die Qualen
der armen Schöpfung ich dir je verzeihen!
Ja, wärst du nicht mein Gott, ich wollte speien
und Not mit Hass und Schmerz mit Bosheit zahlen.
Da wir uns deinem Schutze anbefahlen,
gabst du uns preis, und da wir aufwärts schreien,
bleibst du uns taub, und da wir uns kasteien,
verbirgst du dich in ungewissen Strahlen.
Ja, wärst du nicht mein Gott, wärst Herr von Knechten,
wärst Kirchenbild und Spielzeug für die Dummen,
ich wäre mir zu gut, nur dein zu denken.
Du bist mein Gott! Und darum muss ich rechten
und darum zweifeln, spotten und dich kränken –
und darum an dich glauben und verstummen.
Liebe Gemeinde lasst uns beten:
auch wütend, auch fordernd, auch richtend, auch Gott anklagend. Tanzend und singend. Mit und ohne Worte. Er hält das alles aus. Wir können mit allem zu ihm kommen. Denn er ist unser Gott.
Mit den besten Segenswünschen
Albi Roebke
