Zum Anschlag auf die Synagoge am 9. Oktober 2019 in Halle

Mein erster Gedanke angesichts der Bluttat in Halle: nicht schon wieder! Erst die rassistischen Anschläge des NSU-Trios quer durch Deutschland, dann das hinterhältige Attentat auf einen mutigen Politiker und jezt die hemmungslose Gewalttat auf offener Straße mitten in Halle. Und das Glück einer sicheren Tür wird zum Unglück zweier unschuldiger Menschen. Weil sie zufällig da waren, müssen sie sterben. Weil ein feiger Mörder sein eigentliches Ziel nicht erreicht hat. Betende Menschen, Jüdinnen und Juden, die an ihrem höchsten Feiertag, dem Yom Kippur, der versöhnenden Heiltaten Gottes gedachten. Und das 80 Jahre nachdem in Deutschland die “Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa” zur politischen Maxime ausgerufen wurde. Vor 80 Jahren und einem Monat, genau auf den Tag. Es ist überdeutlich. Mehr Hinweis, mehr Symbol geht nicht mehr.

Was ist los in unserem Land? Müssen wir die häßliche Fratze des Antisemitismus, des Rassismus und der Menschenverachtung einfach hinnehmen? Die Antwort kann für uns Christen nur ein entschiedenes Nein sein. Das Gefühl der Ohnmacht darf nicht siegen.

Die Losung für dieses Jahr gibt die Richtung für unser Handeln vor. Sie ist wie ein Schrittmacher, der uns voraus geht: “Suche Frieden und jage ihm nach!”.

Der Frieden Gottes, sein Schalom ist immer vor uns. Im Blick auf die heile Welt Gottes für alles Leben, sind wir als Kirche und als Christenmenschen herausgefordert, den Frieden auf Erden zu suchen. Und das heißt im konkreten Fall:

•    fest an der Seite der Opfer zu stehen,

•    das Elend und die Not der Menschen fürbittend vor Gott zu bringen,

•    geschwisterliche Verbundenheit mit den jüdischen Gemeinden leben,

•    mutig Zivilcourage im persönlichen Umfeld zeigen, überall da, wo die Menschenwürde mit Füßen getreten wird.  

Carsten Schleef, Pfarrer und stellvertretender Superintendent im Kirchenkreis An Sieg und Rhein